Computer liest historische Handschriften

Für historische Forschung, aber auch interessierte Laien: Ein Computerprogramm der Uni Innsbruck liest und überträgt historische Handschriften.

Handschriften sind so individuell wie Menschen. Dennoch sind Computer heute in der Lage, auch historische Handschriften automatisch zu entschlüsseln. Die Software Transkribus kann auch Uromas Handschrift entziffern: Sie wurde an der Uni Innsbruck in Zusammenarbeit mit führenden Forschungsgruppen aus ganz Europa entwickelt. Betrieb und Weiterentwicklung wird heute über eine europäische Genossenschaft fortgeführt.

Wer sich schwer tut, einen in Kurrentschrift verfassten Brief seines Großvaters zu entziffern, kann dank der Forschungsplattform Transkribus auf digitale Unterstützung zählen. Der Germanist Dr. Günter Mühlberger, Leiter der Gruppe Digitalisierung und Elektronische Archivierung der Uni Innsbruck, hat mit seinem Team gemeinsam mit führenden Forschungsgruppen aus Europa federführend am Aufbau von Transkribus gearbeitet. Das 2016 im Rahmen der Horizon-2020-Förderungen der EU-Kommission begonnene Projekt wird seit 2019 als europäische Genossenschaft (SCE) unter dem Namen READ-COOP weitergeführt: „Mehr als 12 Millionen Seiten wurden inzwischen von interessierten Nutzer*innen auf die Server von Transkribus hochgeladen. Für die Geschichtswissenschaften, aber auch für Archive und Familienhistoriker bedeutet die automatisierte Texterkennung eine Revolution. Erstmals stehen nicht nur Volltexte handschriftlicher Dokumente zur Verfügung, sondern können auch riesige Bestände durchsucht und automatisch ausgewertet werden. Inzwischen nutzen mehr als 34.000 Nutzer*innen die Plattform“, sagt Mühlberger. Der Erfolg kam anfangs auch für die Projektverantwortlichen an der Uni Innsbruck überraschend, heute sind mehr als 50 Institutionen und Privatpersonen aus ganz Europa Mitglied der europäischen Genossenschaft, darunter neben der Uni Wien und dem ÖAW die Nationalarchive von Finnland, Schweden und Norwegen und die British Library.

Großes Potenzial

Das Potenzial in der automatisierten Erkennung von historischen Schriften ist enorm: „Bisher sind maximal ein bis zwei Prozent der Archivbestände in Europa und weltweit digitalisiert. Mit der Erschließung dieser Bestände durch die automatisierte Texterkennung werden diese Dokumente nun nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für interessierte Familienforscher*innen zugänglich“, meint Mühlberger. Zahlreiche Universitäten, Archive und Museen haben Transkribus heute für ihre Digitalisierungsbestrebungen im Einsatz und helfen so auch mit, die Software zu verbessern. So werden derzeit mehr als 3 Millionen Seiten historischer Akten aus dem 17. und 18. Jahrhundert für das Königliche Archiv der Niederlande automatisch erkannt. Und auch in der Corona-Krise gibt es Initiativen: So hat das Rijksmuseum Amsterdam seinen Mitarbeiter*innen das Transkribieren und Trainieren von Modellen in Transkribus derzeit als Arbeitszeit freigestellt. Die Software gibt es zum freien Download unter www.readcoop.eu.

© Universität Innsbruck / Günter Mühlberger

Über den/die Forscher*In

Günter Mühlberger leitet die Gruppe Digitalisierung und Elektronische Archivierung an der Universität Innsbruck, außerdem ist er Leiter des universitären Forschungszentrums Digital Humanities, in dem die Universität Innsbruck ihre Arbeit zu Entwicklung und Einsatz digitaler Methoden in der kultur- und geisteswissenschaftlichen Forschung bündelt. Aus dem Antrieb, historisches Wissen digital zugänglich zu machen, ist auch Transkribus entstanden.