COVID19 als ästhetisch-politische Ordnung

Zusammenfassung eines aktuellen Essays des Rektors der Akademie der bildenden Künste Wien zu COVID19 als ästhetisch-politische Ordnung und den Perspektiven der Künste und ihren Institutionen darauf.

von Johan F. Hartle

Die gegenwärtige Krise mitsamt ihren Verhaltensregeln ist ein interessantes ästhetisch-politisches Phänomen – Grund genug, um aus Perspektive der Künste und Ihrer Institutionen über sie nachzudenken. „Ästhetisch“ darf hier allerdings nicht missverstanden werden: Kaum etwas an der COVID19 Krise ist schön, erbaulich oder erfreulich. Für zahllose Menschen ist sie ökonomisch oder gesundheitlich bedrohlich. Viele hat der Virus bereits das Leben gekostet.  

Fernab vom Wahren, Guten und Schönen, berührt die Pandemie mit all ihren Nebeneffekten eine Vielzahl von Themen und Fragen, die sich mit der Sphäre der Künste überschneiden: Fragen der Wahrnehmung, der räumlichen Gestaltung sozialer Interaktion, der Reflexion von Lebensformen etc. Etymologisch geht Ästhetik auf den Begriff der Wahrnehmung (aisthesis) zurück und historisch hat sie sich immer mehr mit der Gestaltung von Lebensformen verschränkt. In genau diesen Hinsichten überlappen sich Ästhetik und Politik. Das macht das Reflexionspotential der Künste in Krisenzeiten interessant.

Vordergründig ist die Situation von COVID19 eine „anästhetische“, eine Situation jenseits der Wahrnehmung. Der Virus ist unsichtbar und auch seine Träger*innen lassen sich mit dem bloßen Auge nicht identifizieren. Das erzeugt eine Situation universellen Verdachts, deren eigentlicher, versteckter Sinn sich unterhalb der sichtbaren Oberfläche bewegt. Jeder Mensch im Supermarkt könnte den gefährlichen Virus übertragen, der Virus könnte sich auf jeder Türklinke verstecken. Damit gibt es keine profanen Güter und sichere Situationen mehr und das alltägliche Leben wird umfassend zu einer Herausforderung der permanenten Neubeurteilung. Solche erweiterten Techniken der Interpretation liegen den Künsten nicht fern. Seit Marcel Duchamps Readymades ist ein Flaschentrockner nicht mehr nur ein Flaschentrockner, sondern Träger einer potenziell viralen Bedeutungssuggestion.

Durch die Unterbrechung alltäglicher Abläufe, wird in der Corona-Krise Raum geschaffen für gesellschaftliche Fantasie. In vielerlei Hinsicht ist die Corona-Krise auch eine Maschine der gesellschaftlichen Imagination.  Utopien sind allerdings nicht zwangsläufig ein Segen. Ökofaschistische, neodarwinistische Fantasien von einer umfassenden Marktbereinigung – dass die Natur sich zurückhole, was man ihr angetan habe – und fremdenfeindliche Erklärungsmuster (von der „chinesischen“ oder „italienischen“ Krankheit) erträumen implizit einen purifizierten „Volkskörper“. Träumen allein wird deswegen nicht reichen, um am Ende gesellschaftlich gestärkt aus COVID19 hervorgegangen zu sein. 

Es wird darum gehen, Ressourcen wahrnehmen zu lernen, zwischen Perspektiven zu differenzieren, mit ihnen zu experimentieren. All das gehört zur Praxis der Künste. Deswegen sind sie keine kompensativen Sinnquellen, die uns beschaulich über die „schwierigen Zeiten“ hinwegtragen. Viel mehr eröffnen die Künste das Nachdenken über ästhetisch-politische Ordnungen, so wie COVID19 eine ist. Sie greifen in diese Ordnungen ein, um uns auf Ebenen handlungsfähig zu machen, die von der politischen Ausdrucksweise und der administrativen Rhetorik normalerweise verdeckt werden.

Wenn es also um die Verschiebung von Parametern der Wahrnehmung oder die Reflexion von Lebensformen geht, dann haben die Künste ein Wort mitzureden. Wie es der Kulturhistoriker Egon Friedell formulierte, Kultur ist ein Reichtum an Problemen.
Die Kunstakademien schlafen in diesen Wochen nicht.

Der vollständige Essay findet sich zum Nachlesen auf der Website der Akademie der bildenden Künste Wien: www.akbild.ac.at

© Viktor Brázdil

Über den/die Forscher*In

Dr. Johan Frederik Hartle, geboren 1976, promovierte in Münster/Westfalen. Er war kommissarischer Rektor und Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und seit Oktober 2019 Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien. Die Bereiche Forschung, Wissenschaft und Internationales fallen in seine Ressortzuständigkeit.
0 replies

Leave a Reply

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.