Das gute (Tier-)Leben?

Reingard Spannring vom Institut für Erziehungswissenschaft plädiert dafür, radikaler zu hinterfragen, wie wir mit Tieren umgehen, egal ob wir sie essen, oder als Haustiere halten.

Schnitzel, Wurst oder Tafelspitz sind beliebte Speisen. Ist es aber notwendig, dass für meine Ernährung ein anderes Lebewesen leiden und sterben muss? Wissen Menschen einfach zu wenig über die schrecklichen Umstände in der Massentierhaltung, die Schlachtbedingungen, den enormen Fleischkonsum oder die Bedürfnisse von Tieren? 

Eine bewusste Entscheidung

Reingard Spannring denkt, dass ein nicht tierfreundliches Verhalten nicht am Mangel an Information, sondern an der bewussten Entscheidung der Menschen, aktiv wegzusehen, liegt. „Wir tendieren dazu, Problematisches und Widersprüchliches zu verleugnen, um ein besseres Gewissen zu haben, bzw. die damit verbundenen Ängste, Schamgefühle und Unsicherheiten zu verdrängen“, so die Wissenschaftlerin, die sich auch in der Forschungsgruppe „Human Animal Studies“ an der Universität Innsbruck engagiert. So kann der Widerspruch zwischen Tierliebe und Fleischkonsum aufgelöst werden, indem Annahmen hinzugenommen oder verändert werden. Etwa, dass den Tieren ja so etwas nichts ausmache, dass die Tiere sonst gar nicht auf der Welt wären, oder dass das wirtschaftliche Überleben der Landwirte von unserem Fleischkonsum abhinge. Gleichzeitig gibt es auch sozialpsychologische Mechanismen, welche die Tabuisierung problematischer Sachverhalte ermöglichen, wie beispielsweise das Ansprechen eines Fleischessers auf die ethischen Implikationen seines Verhaltens.

Frage des Gewissens

Ein in Folie verpacktes, totes Ferkel im Kühlregal im Supermarkt verursacht einen enormen Aufschrei in der Bevölkerung. Das Schnitzel daneben tut das nicht. „Den Menschen fehlt häufig die direkte Verbindung vom Fleisch im Supermarkt zum Tier“, erläutert Spannring. Mit der Industrialisierung, Urbanisierung und veränderten Einkaufspraktiken (Supermarkt statt Metzger) ist der unmittelbare Kontakt zu den Tieren, die wir konsumieren, verloren gegangen. Dies erleichtert den Fleischkonsum, der jedoch auch massiv von den Interessen der Tierindustrie angetrieben wird. Trotzdem oder gerade wegen dieser Distanzierung von den Abhängigkeiten einer Agrargesellschaft hadern so manche mit ihrem Gewissen. „Erst dort, wo Widersprüche zutage treten, wird es möglich mit neuen Ernährungs- und Lebensweisen zu experimentieren und Fragen der Ethik und komplexer biosozialer Zusammenhänge mutig anzugehen“, engagiert sich Spannring, die einlädt, kritisch zu hinterfragen: Was wäre, wenn der Mensch nicht allein das Maß aller Dinge ist?  

Universität Innsbruck Reingard Spannring
© Fotoperjen

Über den/die Forscher*In

Reingard Spannring studierte Soziologie in Wien und Sussex (UK) und arbeitet seit 2006 am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck. Tiere spielen eine zentrale Rolle in ihrer Forschungsarbeit. Sie beschäftigt sich mit den komplexen und vielschichtigen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren und bewegt sich damit in dem relativ neuen Forschungsfeld der „Human-Animal Studies“. Ihr besonderes Interesse gilt den sozialpsychologischen und kulturellen Mechanismen der Verleugnung der Subjektivität von Nutz- und Haustieren.

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