Gesang als Hochleistungssport

Wie unterscheidet sich die Live-Performance der Gesangsprofis von jener im Übezimmer oder im Labor? Stimmforscher Christian T. Herbst dokumentiert die (fein)motorischen Abläufe beim Singen – als Unterstützung für die Optimierung der Ausbildung.

Bühnengesang ist Hochleistungssport, mit beträchtlicher stimm-gesundheitlicher Belastung für professionelle Sänger*innen. Ähnlich wie bei Athlet*innen sollten daher bereits in der Ausbildung die (fein)motorischen Abläufe im Stimmapparat optimiert werden. Zur Physiologie und Physik der Stimmproduktion im professionellen Gesang gibt es zwar schon grundlegende Forschung, allerdings – mit wenigen Ausnahmen – nur im Labor und nicht während der Live-Performance, vor allem nicht bei Top-Performern. Mit anderen Worten: Das „role model“ für guten und gesunden professionellen Gesang ist trotz der Verfügbarkeit modernster Untersuchungstechnologien bislang noch nicht ausreichend beschrieben worden. Anders als im Profisport gibt es kaum objektive Zielvorgaben für die Etablierung optimierter Ausbildungs- und Trainingsprogramme.

Ziel eines innovativen Forschungsprojektes von Christian T. Herbst ist es deshalb, den Gesang von professionellen Sänger*innen beim Live-Auftritt zu dokumentieren, um die physiologischen Abläufe noch besser zu verstehen und die Grundlagenforschung in diesem Bereich durch neue Erkenntnisse zu erweitern (als Basis für eine weitere Optimierung der Gesangsausbildung). Neben der Aufnahme von akustischen Signalen werden erstmals auch mit Hilfe von drahtlosen Aufnahmegeräten Biosignale wie die Herzfrequenz und der Hautleitwiderstand dokumentiert, was – in Verbindung mit der Erhebung des Cortisolspiegels im Speichel – Einblicke in die Stressfaktoren vor, während und nach der Auftritts-Situation erlaubt. Ebenfalls innovativ ist die drahtlose Dokumentation der relativen Kontaktfläche der Stimmlippen beim Singen, die Rückschlüsse auf die motorischen Aktivitäten im Kehlkopf und deren Auswirkung auf den akustischen Stimmklang erlaubt.

Die Studie von Christian T. Herbst wird als Kooperationsprojekt der Universität Mozarteum Salzburg und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien durchgeführt, mit Unterstützung durch die Paris Lodron Universität Salzburg.

© Bernhard Haindinger

Über den/die Forscher*In

Der Stimmforscher Christian T. Herbst studierte Gesangspädagogik an der Universität Mozarteum Salzburg und war viele Jahre als Stimmbildner tätig. Er ist Doktor der Biophysik, war Leiter des Labors für Bioakustik am Department für Kognitionsforschung der Universität Wien und forschte am Voice Research Laboratory, Department für Biophysik, Universität Olmütz. Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Untersuchung physiologischer Vorgänge im Kehlkopf von Sängerinnen und Sängern.