Große ungewollte Experimente

Welche Auswirkungen die Verschleppung nicht-heimischer Tier- und Pflanzenarten auf die weltweiten Ökosysteme hat – auch unter dem Aspekt des globalen Artensterbens – untersucht Biodiversitätsforscher Franz Essl von der Uni Wien.

„Wir erleben derzeit das größte Artensterben weltweit“, erklärt Franz Essl vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung: „Neben der voranschreitenden Zerstörung natürlicher Lebensräume, intensiver Landwirtschaft und der Verbauung von Lebensräumen haben auch sogenannte Neobiota – nicht-heimische Pflanzen und Tiere – einen großen Anteil am Rückgang der Biodiversität.“

Gravierende Folgen

Was passiert mit den Ökosystemen, wenn in kurzer Zeit gänzlich neue Arten hinzukommen? Diese Frage bildet die große Klammer um zwei internationale Projekte unter der Leitung des Ökologen. „Im Endeffekt sind diese Verschleppungen große ungewollte Experimente. Mit teilweise gravierenden Folgen.“ Im ersten der beiden FWF-Projekte hat sich Franz Essl mit Invasionsbiologen zusammengetan, um die erste umfassende globale Datenbank zu nicht-heimischen Pflanzen zu erstellen.

Peak noch nicht erreicht

„Unsere Daten belegen, dass die absoluten Hot Spots von Neophyten Inseln und Küstengebiete, wie zum Beispiel Florida, sind“, erklärt Franz Essl: „Gerade Inseln verfügen über eine einzigartige, extrem gut angepasste Flora und Fauna. Die dortige Tier- und Pflanzenwelt ist nicht für Neuankömmlinge gerüstet, sodass eingeschleppte Neophyten oft zu einem massiven Problem werden.“

Der Mensch ist erwiesenermaßen die treibende Kraft – die Geschichte der internationalen Verbreitung von Pflanzen verläuft parallel zum westlichen Wirtschaftswachstum seit dem 19 Jahrhundert und, nochmals beschleunigt, seit den 1950er Jahren. „Noch haben wir den Peak lange nicht erreicht“, so das wenig positive Resümee von Essl.

Die Aliens kommen

In einem zweiten FWF-Projekt entwickelt Essl mit internationalen Kolleg*innen Zukunftsszenarien: „Uns interessieren hier primär die möglichen Auswirkungen, die nicht-heimische Tiere und Pflanzen auf die jeweiligen Ökosysteme haben können. Beim Klimawandel ist es einfacher, hier gibt es konkrete Maßzahlen, wie z.B. die Höhe des Temperaturanstiegs. Modelle für Neobiota zu entwickeln ist im Vergleich dazu wesentlich komplexer.“ (td)

© Ursula Gerber

Über den/die Forscher*In

Franz Essl lehrt und forscht am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien. Er gilt als führender Experte in der Neobiota-Forschung, gehört zu den Forscher*innen, deren Arbeiten besonders häufig zitiert werden („Highly Cited Scientists“), und ist auch im Leitungsteam des österreichischen Biodiversitätsrats tätig. Er leitet die FWF-Projekte „Die globale Datenbank zu nichtheimischen Pflanzenarten (GloNAF)“ und „Entwicklung und Erprobung von Szenarien biologischer Invasionen (AlienScenarios)“.

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