Das Virus als Klima-Chance?

„Notlösungen“ der Corona-Krise könnten die nachhaltige Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft vorantreiben, sagt Klimaökonom Karl Steininger.

Video-Konferenzen statt Dienstreisen, Homeoffice statt zur Arbeit pendeln – was durch die Corona-Krise Notlösungen wurden, könnte in Zukunft Standard sein, wenn es sich bewährt, meint Volkswirt Karl Steininger von der Universität Graz und sieht darin gute Chancen im Kampf gegen den Klimawandel: „Die Corona-Krise hat uns gezwungen, neue Wege auszuprobieren. Wenn wir damit gute Erfahrungen machen, könnten wir sie auch weiterhin verstärkt nutzen und damit einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Transformation unserer Gesellschaft leisten“, ist der Klimaökonom überzeugt.

Autonom und umweltfreundlich

Neben Auswirkungen im Arbeitsleben zeige die Krise vor allem Gefahren durch Abhängigkeiten von globalen Lieferketten auf. Wenn Länder in Asien keine Medikamente, elektronische Bauteile oder Ersatzteile für die Automobilindustrie mehr liefern können, kann das dramatische Auswirkungen für die Bevölkerung und die Wirtschaft in Europa haben. „Diese Erkenntnisse sprechen dafür, regional konzentrierte Produktionsstrukturen aufzubauen, um autonomer zu sein, mit dem Nebeneffekt, dadurch den ökologischen Fußabdruck deutlich zu verringern“, so Steininger.

Möglichkeiten zur Dezentralisierung gebe es bereits, sagt der Volkswirt und verweist auf additive Produktionsverfahren, sprich 3D-Druck. „Damit ließen sich etwa Ersatzteile für die Automobilindustrie vor Ort erzeugen.“ Als ein weiteres Beispiel nennt er die Flow-Chemie, die es erlaubt, pharmazeutische Wirkstoffe in kleineren Einheiten herzustellen, und damit der Abhängigkeit von internationalen Lieferketten entgegenwirkt. Ein Pionier in diesem Forschungsgebiet ist der Chemiker Oliver C. Kappe von der Universität Graz.

Impuls für Trendwende

Die nachhaltige Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft, die ein zentrales Ziel der Forschungen im Profilbereich „Climate Change Graz“ der Universität Graz ist, erfordert ein radikales Umdenken und eine grundsätzliche Neuorientierung in allen Lebensbereichen und Sektoren. Die aktuelle Krise könnte uns die Entscheidung, althergebrachte Wege zu verlassen, leichter machen, hofft Steininger.

Nachdenklich stimmt den Forscher allerdings, dass angesichts der unmittelbaren Bedrohung durch das Corona-Virus plötzlich Maßnahmen und Verhaltensänderungen akzeptiert werden, die der Klimawandel mit seiner langfristigen, größeren Gefährdung zumindest bisher nicht rechtfertigen konnte.

© Uni Graz/Kernasenko

Über den/die Forscher*In

Univ.-Prof. Dr. Karl Steininger leitet am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz die Forschungsgruppe „Ökonomik des Klima- und Umweltwandels“. Der Volkswirt untersucht, welche klima-, energie- und innovationspolitischen Maßnahmen zur effektiven Senkung der Treibhausgasemissionen in einer offenen Wirtschaft in sozial verträglicher Weise beitragen können. Ziel seiner Forschung ist, die nachhaltige Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft voranzutreiben.
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