Fußball ohne Fans: Weniger Streit und mehr Tore

Publikumsfreie Fußballspiele haben einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Spieler und auf die Dynamik des Matches. Zwei Sportpsychologen der Universität Salzburg nähern sich diesem Phänomen.

Sportpsychologen der Paris Lodron Universität Salzburg (PLUS) haben herausgefunden, dass aufgrund der corona-bedingt publikumsfreien Fußballspiele, sich das Verhalten der Spieler änderte: Es gab weniger Streit und mehr Tore. 

Fußballspiele sind in Corona-Zeiten merkwürdig leise. Während normalerweise jeder Sprint Richtung Tor mit lauten Rufen von den Fans begleitet wird, hört man derzeit nur Spieler und Trainer, die ihren Seelenzustand lauthals artikulieren. Insgesamt haben jedoch emotionale Ausbrüche bei Spielern wie Betreuern messbar abgenommen, so das Resümee der Studienautoren Michael Leitner und Fabio Richlan vom Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Humanities and Social Sciences Communications“ publiziert. Die Publikation sorgte international für außerordentlich großes Medieninteresse. 

Die Wissenschaftler verglichen zehn Meisterrunden-Matches des FC Red Bull Salzburg der normalen Saison 2018/19, also mit der üblichen großen Besuchermenge, mit zehn Matches in der corona-bedingt zuschauerfreien Zeit im vergangenen Jahr. „Es war für uns eine großartige Chance, so einen Vergleich überhaupt ziehen zu können“, sagt Fabio Richlan. Erst Corona machte es möglich, den Einfluss der Zuschauer auf die Profisportler einer vergleichenden Untersuchung zu unterziehen.  

Ohne Zuschauer weniger Auseinandersetzungen aller Akteure 

Zur Durchführung der Studie musste zunächst ein „Analysesystem für emotionales Verhalten im Fußball“ entwickelt werden. Dabei interpretierten die beiden Wissenschaftler das Verhalten der Spieler in unterschiedlichen Spielsituationen und unter verschiedenen psychologischen Bedingungen. „Am Schluss haben wir alle emotionalen Äußerungen der Geisterspiele mit jenen aus der normalen Fußballsaison verglichen. “

Die Sportpsychologen konnten dabei feststellen, dass es in den Spielen ohne Zuschauer rund 20% weniger Auseinandersetzungen mit anderen Spielern oder den Schiedsrichtern gab. Außerdem mussten die Schiedsrichter wesentlich weniger oft einschreiten: Während sie bei normalen Spielen zu 40% bei emotionalen Situationen einschritten, waren es bei Geisterspielen nur rund 25%. Ebenso gingen verbale Auseinandersetzungen ohne Zuschauer um etwa 5% zurück, wie sich insgesamt inhaltliche Diskussionen aller Spieler, Trainer und Betreuer von 42 auf 27 Minuten reduzierten. 

Emotionale Gelassenheit erhöht die Treffsicherheit

Die etwas weniger emotional geführten Duelle verhalfen den Spielern außerdem zu einer erhöhten Treffsicherheit. Die Salzburger Meisterkicker erzielten unter den ruhigeren Bedingungen nämlich auch noch mehr Tore. So wurden in der Corona-Meisterrunde rund 20% mehr Tore geschossen und es gab etwa 13% weniger Verwarnungen und Platzverweise.

„Abschließend kann man sagen, dass Zuschauer einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Spieler haben“, sagt Michael Leitner. Ohne lautes Anheizen der Stimmung bleiben jedenfalls alle Akteure, also Spieler, Trainer, Betreuer und Schiedsrichter wesentlich gelassener, so die Wissenschaftler. 

Sportpsychologen Leitner Michael
© Kolarik

Über den/die Forscher*In

Michael Christian Leitner studierte Telekommunikation und Medien an der Fachhochschule St. Pölten und Kommunikationswissenschaft sowie Psychologie an der Universität Salzburg. Aktuell ist er Projektmitarbeiter am „Centre for Cognitive Neuroscience“ und am Fachbereich Psychologie und beendet demnächst sein zweites Doktoratsstudium. Die Liebe zum Sport – und im Speziellen zum Fußball – begleitet Michael Leitner auch privat als Amateurspieler bei der zweiten Kampfmannschaft des SAK 1914.
Sportpsychologen Richlan Fabio
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Über den/die Forscher*In

Fabio Richlan wird in einem aktuell an der Elite-Universität Stanford durchgeführten Ranking zu den weltweit zwei Prozent der bedeutendsten Forscher gezählt. 2014 hat Richlan eine Ausbildung zum Sportpsychologen absolviert. Sport und Psychologie war für Richlan durch seinen eigenen Sport – immer ein Thema. Ein weiterer wichtiger Arbeitsschwerpunkt des 36 jährigen Wissenschaftlers ist die Leseforschung. In diesem Bereich hat er promoviert, sich 2020 habilitiert.