Sozialleistungen: Teilen oder nicht teilen?

Sozialleistungen sorgen immer wieder für Debatten. Ein Team um Wirtschaftssoziolog*innen Bernhard Kittel von der Uni Wien erforscht die sozialen Mechanismen dahinter. Ihr für die Sozialpolitik relevantes Fazit: Geteilt wird nur, wenn andere nicht mehr bekommen als man selbst.

Immer wieder zeigt sich in öffentlichen Debatten, dass viele Menschen skeptisch gegenüber bedarfsorientierten Sozialleistungen sind. In Verhaltensexperimenten hat ein vom FWF finanziertes Teilprojekt der Forscher*innengruppe „Bedarfsgerechtigkeit und Verteilungsprozeduren“untersucht, unter welchen Bedingungen Proband*innen bereit sind, mit anderen zu teilen.

Teilen? „Ja, aber“

Die Ergebnisse sind eindeutig: „Die Teilnehmer*innen waren grundsätzlich in großem Maße bereit, die Bedarfe anderer zur Leitlinie ihrer Entscheidungen zu machen“, sagt Bernhard Kittel, der den österreichischen Teil des Projekts leitet: „Sobald die Bedarfe jedoch höher waren als die Zuteilung bei einer strikten Gleichverteilung, sank die Wahrscheinlichkeit markant, dass der Bedarf der/des Dritten erfüllt wird“. Während über zwei Drittel der geringen und über die Hälfte der moderaten Bedarfe erfüllt wurden, war dieser Wert bei unter einem Viertel bei Bedarfen, die über der Gleichverteilung liegen.

Wie viel bekomme ich selbst?

Die Bereitschaft, den Bedarf anderer zu berücksichtigen, hängt demnach davon ab, wie groß der eigene Anteil ist. Sobald in den Experimenten jemand anderes mehr bekommen soll als man selbst, zählt der Bedarf nur mehr für wenige. Stattdessen wird das Gleichheitsprinzip angewendet. Dabei scheint egal zu sein, ob dies bedeutet, dass andere den Schwellenwert nicht erreichen. „Bei aller Vorsicht, die bei einem Vergleich von sozialwissenschaftlichen Laborexperimenten mit Studierenden und menschlichem Verhalten außerhalb des Labors geboten ist, spiegelt das Ergebnis doch deutlich die skeptische Einstellung wider, die viele gegenüber bedarfsorientierten Sozialleistungen hegen. Das Bedarfsprinzip scheint nur so lange mehrheitsfähig zu sein, wie die Zuteilung geringer ist als das, was einem selbst zur Verfügung steht“, so Kittel abschließend. (abi)

© Margit Schmid

Über den/die Forscher*In

Bernhard Kittel ist Professor für Wirtschaftssoziologie an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Uni Wien. Er leitet das vom FWF finanzierte Projekt der Forscher*innengruppe „Bedarfsgerechtigkeit und Verteilungsprozeduren“, das noch bis März 2021 läuft und Teil der Forschungsgruppe der DFG, bestehend aus Politikwissenschafter*innen, Soziolog*innen, Ökonom*innen, Psycholog*innen und Philosoph*innen, ist. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, die Rolle von Bedarf bei Verteilungs- und Zuteilungsentscheidungen zu analysieren.
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