UN-Nachhaltigkeitsziele: Corona macht Fortschritte zunichte

Die Pandemie verlangsamt die EU-Nachhaltigkeitsziele und ermöglicht nur eine kurzfristige Erholung für die Umwelt, das sind Erkenntnisse der Forscher*innen der Wirtschaftsuniverstität Wien.

Ein Bericht von WU-Forscher*innen zeigt die ersten Auswirkungen der Pandemie auf die Nachhaltigkeitsfortschritte der EU. Deutliche Einschnitte am europäischen Arbeitsmarkt stehen spürbare Verbesserungen im Klima- und Energiebereich gegenüber – die werden aber wohl nur kurzfristig sein. 

Wirtschaftsentwicklung

„Die Corona-Pandemie hat 2020 viele Fortschritte der davorliegenden Jahre zunichte gemacht“, beschreibt Markus Hametner, WU-Wissenschaftler und Projektleiter, die Erkenntnisse aus den jüngsten Daten. Am deutlichsten sei dies beim Einbruch des Wirtschaftswachstums zu sehen: „Mit minus 6,2 Prozent von 2019 auf 2020 war der Rückgang des EU-Bruttoinlandsprodukts in der Pandemie sogar deutlich stärker als während der letzten Finanzkrise, als das BIP von 2008 auf 2009 ‚nur‘ um 4,6 Prozent gefallen ist“, so Hametner. 

Beschäftigung nur leicht eingebrochen

Aufgrund der zahlreichen Hilfsmaßnahmen wie zum Beispiel der Kurzarbeit fielen die Einschnitte am Arbeitsmarkt aber weniger dramatisch aus als befürchtet. So war der Rückgang der EU-Beschäftigungsquote von 2019 auf 2020 nur etwa halb so stark wie während der Finanzkrise von 2008 auf 2009. Dies wurde allerdings durch einen dramatischen Anstieg der Staatsverschuldung in der EU erkauft, die 2020 auf über 90 Prozent des BIP stieg.

Lebenserwartung um 1 Jahr gesunken

Eine Datenerhebung der europäischen Statistikämter zeigt für die EU 2020 über eine halbe Million Sterbefälle mehr als im dreijährigen Durchschnitt von 2016 bis 2019. Die Lebenserwartung in der EU ist in 2020 im Vergleich zum Vorjahr aufgrund dessen um rund ein Jahr gesunken.

UN-Nachhaltigkeitsziele: Klima und Ökosysteme

Der Stromverbrauch in der EU ist 2020 um rund vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Der Rückgang der Kohlendioxid-Emissionen aus der Nutzung fossiler Energieträger in der EU wird auf rund 10 Prozent geschätzt. Es ist allerdings zu befürchten, dass dieser Rückgang nur kurzfristig ist und der Energieverbrauch rasch wieder das Niveau vor der Krise erreichen wird. 

Obwohl die Schutzgebiete größer geworden sind, sind viele Tier- und Pflanzenarten nach wie vor von Überfischung, Flächenverbrauch und Bodenversiegelung betroffen. „Die negativen Umwelteinflüsse des europäischen Konsums sind nach wie vor enorm und der Status von Ökosystemen und der Biodiversität bleibt unzureichend“, so WU-Forscher Markus Hametner.

Insgesamt zeigt der Monitoring-Bericht, dass sich die Fortschritte hin zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen aufgrund der Pandemie deutlich verlangsamt haben. „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden in einigen Bereichen wie der Armutsbekämpfung wohl noch längere Zeit nachwirken und erst in zukünftigen Jahren in ihrer vollen Deutlichkeit sichtbar werden“, so Markus Hametner.

Markus Hametner
© WU

Über den/die Forscher*In

Markus Hametner ist Senior Researcher und Projektleiter am WU Institut für Nachhaltigkeitsmanagement. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Frage, wie man Fortschritte in Bezug auf nachhaltige Entwicklung messen kann. In seinem aktuellen Forschungsprojekt analysiert er anhand offizieller Statistiken von Eurostat inwieweit sich die EU und ihre Mitgliedsstaaten auf dem Weg hin zur Erreichung der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele befinden.