Verkehrsforscherin Barbara Lea

Verkehrsplanung als Passion: Verkehrsforscherin Barbara Laa im Interview zur Zukunft des Verkehrs

Der Verkehrssektor ist einer der Hauptverursacher von Treibhausgasemissionen. Daher haben wir die Verkehrsplanerin Barbara Laa zum Verkehr des Jahres 2040, E-Mobilität und zu ihrer liebsten Maßnahme zur C02-Reduktion befragt.

Wie haben Sie Ihren Weg zur Verkehrsplanung gefunden und warum hat sie gerade dieser Bereich interessiert? 

Ich wollte an der baulichen Gestaltung unserer Umwelt mitwirken. Daher habe ich Bauingenieurwesen und Infrastrukturmanagement an der TU Wien studiert. Zur Verkehrsplanung bin ich bei einem interdisziplinären Projekt mit Studierenden der Raumplanung und Architektur gekommen. Dabei haben wir eine Stadt von Grund auf neu geplant und ich habe verstanden, was für einen großen Einfluss die Verkehrsplanung auf unsere Städte hat und wie andersherum auch die Architektur die Verkehrsplanung bestimmt. Das fand ich unglaublich faszinierend. Zudem gefällt mir die Arbeit mit vielfältigen Teams, die beim Verkehr zusammenkommen: Ingenieurswesen, Architektur, Psychologie, Soziologie, usw.

Warum ist der Straßenbau immer noch ein wichtiger Faktor in der Verkehrsplanung?

In der Politik wird oft damit argumentiert, dass Straßenbau die wirtschaftliche Entwicklung fördert. Das tut er auch in gewisser Weise, jedoch würde uns der Ausbau von Eisenbahnstrecken und Infrastruktur für Fuß- und Radverkehr stattdessen langfristig gesehen volkswirtschaftlich besser aussteigen lassen. Derzeit entstehen durch den Kfz-Verkehr sogenannte „externe“ Kosten für die Allgemeinheit, die nicht durch Steuern und Abgaben der Straßenbenützer*innen abgedeckt werden. Das sind versteckte Subventionen, die als Anreiz für den Straßenbau gesehen werden können.

Welche Vorschläge hat die Verkehrsplanung für den öffentlichen Verkehr, damit wir 2040 Klimaneutralität erreichen?

Dafür brauchen wir ein attraktives öffentliches Verkehrsnetz: also ein dichtes Netz an Straßenbahnen, Bussen und U-Bahnen für die Alltagsmobilität, fußläufig erreichbar und mit so kurzen Intervallen, dass es keinen Blick auf den Fahrplan mehr braucht.
Die Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs sind mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben und Apps zeigen die beste Verbindung beim Umsteigen.
Straßenbahnen sind vermehrt auf Rasengleisen unterwegs: Das bringt Grün in die Stadt, hilft beim Regenwassermanagement und sorgt für die wichtige Kühlung bei Hitze. Busse und Straßenbahnen fahren auf eigenen Spuren oder beeinflussen die Ampelanlagen. Mit all diesen Maßnahmen sind Öffis die schnellste und bequemste Art sich auch auf längeren Strecken durch die Stadt zu bewegen. Schließlich verknüpfen Fahrradabstellanlagen und ein Angebot an Sharing-Fahrzeugen den öffentlichen Verkehr mit anderen Fortbewegungsmitteln.

Auch am Land wird es möglich sein ohne eigenen Pkw mobil zu sein: Das Eisenbahnnetz muss (wieder) ausgebaut und Nebenbahnen reaktiviert werden. Aus kleinen Ortschaften fahren mehrmals täglich Busse zu Bahnhöfen und in regionale Zentren. Dünn besiedelte Gebiete sind durch Mikro-ÖV-Systeme erschlossen. Das bedeutet: Kleine Rufbusse fahren bei Bedarf und bringen die Menschen gesammelt ins Zentrum. Tagsüber ist die maximale Wartezeit auf ein öffentliches Fahrzeug maximal 30 Minuten und die meisten Menschen besitzen günstige Zeitkarten wie etwa das Klimaticket.

Und wie sieht es mit der Flächenverteilung auf die verschiedenen Formen von Mobilität aus?

Die Aufteilung der Flächen im öffentlichen Raum muss sich bis 2040 zugunsten des Fuß- und Radverkehrs, der Öffis und Aufenthaltsflächen verändern. Dadurch werden wir es ruhiger haben, die Luftverschmutzung sinkt und unsere Städte werden schöner. Warum? Statt der privaten Pkw, die heute 23 Stunden am Tag abgestellt sind, wachsen Bäume auf den ehemaligen Parkplätzen und Bänke laden zum Verweilen und sozialen Austausch ein. Die verbliebenen Privat-Pkw sind in Garagen abgestellt.

Für Fußgänger*innen stehen breitere Gehsteige zur Verfügung; die Menschen können nebeneinander gehen und es ist auch genug Platz für entgegenkommende Menschen im Rollstuhl oder Eltern mit Kinderwägen. Fußgänger*innen werden sichere Übergänge, mit kurzen Wartezeiten und genügend Zeit zum Überqueren der Straße bekommen. Die Innenstädte und Wohngebiete werden zu Fußgänger*innen- und Begegnungszonen, wo Autos nur für die Zufahrt bei einer Geschwindigkeit 20 km/h erlaubt sind. Überall sonst gilt in den Städten Tempo 30. Das ist nicht nur umweltfreundlich, sondern rettet auch Leben. Durch all diese Maßnahmen kommen die Menschen schneller und emotional gelassener an ihr Ziel.

Der zukunftsfähige Radverkehr braucht auf Hauptstraßen breite, baulich getrennte Radwege auf denen man sich rasch und vor allem sicher fortbewegt. Eltern können ihre Kinder dort alleine fahren lassen. Radschnellwege – analog zu Stadtautobahnen – verbinden das Umland mit Stadtzentren. So können auch Pendler*innen mit dem Fahrrad direkt in die Arbeit fahren, mit an den Radverkehr angepassten Ampelschaltungen. Auch Unternehmen reagieren und ersetzen ihren Fuhrpark durch Lastenfahrräder. Der Vorteil: Geldersparnis und schnelle Wegzeiten. (Rad)Wege werden nicht von Lieferwägen blockiert, da es mehr Lieferzonen statt Dauerparkplätzen gibt. Das sind Multifunktionsflächen, die als Gehsteig oder Gastgärten genutzt werden können, wenn sie gerade nicht für Lieferungen gebraucht werden. Auch jene, die auf das Autofahren angewiesen sind, werden bessere Bedingungen vorfinden, da es durch all diese Maßnahmen kaum mehr Staus geben wird.

Ist es im Hinblick auf Klimaneutralität sinnvoll, diesel- oder benzinbetriebene Autos durch strombetriebene Fahrzeuge zu ersetzen oder brauchen wir andere Lösungen?

Nein, als alleinige Maßnahme ist das nicht sinnvoll. E-Autos lösen nur ein einziges Problem: Jenes der Emissionen direkt am Auspuff. Es bleiben aber viele weitere Probleme wie etwa der hohe Platzverbrauch der Autos, Lärm bei hohen Geschwindigkeiten, Unfallgefahr, hoher Energiebedarf oder die Barrierewirkung stark befahrener Straßen. Aus Simulationen wissen wir außerdem, dass die Umstellung auf Elektromobilität allein nicht ausreicht, um die Klimaziele zu erreichen. Stattdessen müssen wir auf die oben beschriebenen Maßnahmen zurückgreifen. Jedenfalls werden die Fahrzeuge der Zukunft nicht fossil, sondern elektrisch betrieben – sie werden weniger und kleiner sein und wir werden sie mit anderen teilen.

Welche sehen Sie als die wichtigste Maßnahme im Verkehr, wenn wir bis 2040 bzw. 2050 Klimaneutralität erreichen wollen?

Leider gibt es nicht die eine wichtigste Maßnahme, mit der wir schlagartig klimaneutral sein werden. Das Verkehrssystem ist ein komplexes System, bei dem wir an ganz vielen Schrauben drehen müssen, um die großen Veränderungen herbeizuführen. Wir brauchen eine Mischung aus Maßnahmen für die unterschiedlichen Bereiche. Das umfasst die schon beschriebenen Verkehrsmaßnahmen, aber auch Preissignale wie eine CO2-Steuer, Anpassungen von Gesetzen und Richtlinien (wie Stellplatzverordnungen oder Pendlerpauschalen), aber auch Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung. Meine liebste Maßnahme ist aber eigentlich die Reduktion der Tempolimits. Damit kann man sehr schnell und kostengünstig einen großen Effekt in der CO2-Reduktion erzielen. Zusätzlich ist die Maßnahme sozial fair, weil sie für jeden gleichermaßen gilt und würde die Unfälle und Getöteten im Straßenverkehr reduzieren. Und dafür braucht man in den meisten Fällen nur wenige Minuten länger.

Wie sieht 2040 die Geräuschkulisse in einer dicht bewohnten Stadt, auf einer heute stark befahrenen Straße aus?

Wir werden zwar das leise Surren von Elektromotoren hören und Straßenbahnen, die periodisch vorbeifahren. Wir werden aber auch lachende Kinder, anregende Gespräche, Straßenmusikant*innen und Vogelgezwitscher hören. Ich freue mich darauf!

Sie sind jetzt Ende 20. Was haben Sie für eine Vorstellung von der Zukunft in den Jahren 2050 und 2080?

In meiner Vorstellung sind unsere Städte 2050 vorwiegend klimaneutral, die Lebensqualität ist deutlich gestiegen. Es wäre schön, wenn ich das Jahr 2080 erleben könnte, denn ich stelle mir vor, dass wir bis dahin viele Fehler der Verkehrs- und Siedlungsplanung wieder rückgängig machen konnten. Die Städte werden aus kompakten Grätzeln bestehen, in denen jede*r die Alltagswege umweltfreundlich zurücklegen kann. Auch am Land werden die Ortskerne gestärkt sein und rundherum, neben nachhaltig bewirtschafteten Feldern, wird wieder mehr Platz sein für die Natur, die sich allmählich erholt und eine steigende Biodiversität aufweist. Einige Straßen werden nach ihrer Nutzungsdauer abgerissen worden sein, aber niemand vermisst sie, weil dadurch der Ausblick beim Bahnfahren umso schöner ist. Andere werden in Fahrradstraßen umfunktioniert, die stark vom Tourismus, aber auch von Pendler*innen mit E-Bikes genutzt werden. Auf den verbliebenen Straßen werden Elektrofahrzeuge unterwegs sein – für unumgängliche Wege mit dem Auto und den Güterverkehr.

#staytuned: Fragen an Barbara Laa zum Thema Verkehr? Am 30.09.2021 von 14.0016.00 Uhr live auf TUW-Social Media: FacebookInstagram und Twitter.

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Verkehrsforscherin Barbara Lea
© TU Wien

Über den/die Forscher*In

Die Verkehrsplanerin und Aktivistin Barbara Laa forscht und lehrt seit 2018 an der Technischen Universität Wien am Forschungsbereich Verkehrsplanung und Verkehrstechnik. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation über eine flächendeckende Mobilitätsgarantie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind nachhaltige Mobilität, Stadtentwicklung und System Dynamics im Verkehrswesen. Seit Herbst 2019 ist Barbara Laa als eine der Sprecher*innen der Initiative „Platz für Wien“ aktiv.