Wenn das Auto selbst fährt

Autonomes Fahren bringt Zeitersparnis, das gilt als gesichert. Aber wie viel und in welcher Verteilung? Dem nähert sich ein Forscher der Uni Innsbruck nun aus neuartiger Perspektive an.

Autonomes Fahren ist die nächste große Umstellung in unseren Verkehrssystemen. Am Arbeitsbereich Intelligente Verkehrssysteme des Instituts für Infrastruktur an der Uni Innsbruck widmen sich Forscher*innen diesem Zukunftsthema in mehreren Projekten. Golam Morshed, MSc ist einer von ihnen: „Aus heutiger Sicht gehen wir davon aus, dass vollautonome Fahrzeuge voraussichtlich bis 2035, vielleicht etwas später, auf unseren Straßen unterwegs sein werden“, erklärt er. In den vergangenen Jahrzehnten gingen Forschung und Entwicklung selbstfahrender Fahrzeuge in rasantem Tempo voran, die Vorstellung selbstfahrender Fahrzeuge ist allerdings nicht neu: „Erste Überlegungen wurden in den USA vor fast hundert Jahren, nämlich bereits 1925, vorgestellt und danach gab es in jedem Jahrzehnt entsprechende Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten.“

Großes Potenzial

Potenziell helfen selbstfahrende Fahrzeuge dabei, Staus und damit verbundene Folgeeffekte zu reduzieren, das belegen zahlreiche Studien. „Autonomes Fahren könnte viele Vorteile für unsere Gesellschaft generieren“, ist Golam Morshed sicher: „In der Zukunft wird das autonome Fahren möglicherweise die Straßenverkehrssicherheit durch die Verringerung der Verkehrsunfälle und -opfer verbessern und zu einer radikalen Veränderung der Verkehrssysteme führen.“ Umso wichtiger ist dem Forscher deshalb der direkte bzw. indirekte Einfluss dieser „neuen Mobilität“ auf tägliche Aktivitäten und Zeitnutzung. „Der Einsatz von vollautonomen Fahrzeugen für den Massenmarkt liegt trotz aller technischer Entwicklungen noch in weiter Ferne. Die künftigen Nutzer haben deshalb derzeit keine realen Erfahrungen mit diesen Fortbewegungsformen in bebauter Umgebung“, sagt der Forscher. Das macht es für die Forschung allerdings schwierig, die angenommene Wirkung schon heute abzuschätzen. Im Rahmen seines Projekts „Aktivitäts- und Zeitverwendungs-Modellierung in der autonomen Fahrzeugära“ will sich Golam Morshed dieser Frage nun anders nähern. In seinem Untersuchungsgebiet Dhaka (Bangladesch) fahren schon derzeit 86 Prozent der PKWs mit Chauffeur, der Einsatz von Chauffeurfahrzeugen ist dort auch schon seit Jahrzehnten weit verbreitet. „Ich will dazu beitragen, den Nutzern die Wirkung vollautonomer Fahrzeuge auf tägliche Aktivitäten und Zeitverwendung näherzubringen, wie sie ihre Reisezeit nutzen könnten, wenn sie ihr Fahrzeug nicht mehr lenken müssten, wie viel Zeit sie für welche Art von Aktivitäten aufwenden werden oder welche Aktivitäten vom Fahrzeug selbst, ohne direkte Mitwirkung von Menschen, durchgeführt werden könnten. Natürlich gibt es große Unterschiede zwischen dem Verkehrssystem von Dhaka und den Verkehrssystemen unserer westlichen Städte; dennoch dürfte das Chauffeur-System von Dhaka zur Beantwortung meiner Forschungsfragen am besten mit automatisiertem Fahren vergleichbar sein“, erläutert er. Das Projekt wird aus dem Topf der Nachwuchsförderung der Universität Innsbruck gefördert.

Forscher Golam Morshed
© Rumana Sarker

Über den/die Forscher*In

Golam Morshed hat seinen MSc in Transportation Systems im Jahr 2010 an der Technischen Universität München abgeschlossen. Danach arbeitete er sieben Jahre lang als Verkehrsplaner bei der PLANOPTIMO GmbH in Reith bei Seefeld, bevor er 2017 an die Universität Innsbruck wechselte. In seiner Forschung interessiert er sich für heutiges und zukünftiges Mobilitätsverhalten im Rahmen der Anpassung unserer Gesellschaft an neue Mobilitätsdienste und -technologien, etwa Mobility as a Service, (e)-Carsharing, Elektrofahrzeuge und Zukunftstechnologien wie die automatisierte Mobilität.