Werden wir hilfsbereiter unter Stress?

Mit der Corona-Pandemie wurde „Social Distancing“ zum Gebot der Stunde. Gleichzeitig erzeugen die Ausgangsbeschränkungen bei vielen großen Stress. Wie Stress mit dem Sozialverhalten zusammen hängt und wie Letzteres entsteht, untersucht ein Forscherteam aus Wien und Zürich. Erstmals werden dabei Verhaltensökonomie und sozial-affektive Neurowissenschaften verknüpft.

Noch bis Anfang März waren freundliche Gesten wie Händeschütteln, einander auf die Schulter klopfen oder herzliches Umarmen hierzulande völlig normal. Binnen kürzester Zeit musste diese „soziale Norm“, also ein Sozialverhalten, auf das sich die Gesellschaft geeinigt hat, durch soziale Isolation und andere Formen des sozialen Distanzhaltens ersetzt werden. Auf diese Weise soll die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen vor einer Ansteckung geschützt werden. „Die aktuelle Entwicklung zeigt, wie schnell sich soziale Normen an Herausforderungen anpassen und wie dynamisch und fluide sie sind“, erklärt Claus Lamm von der Universität Wien. Dieser rasche Wandel wirft jedoch, speziell mit Blick auf die Ausgangsbeschränkungen, einige Fragen auf: Wie reagieren Menschen auf solche Ausnahmesituationen? Was denken sie darüber? Was empfinden sie? Wie bewerten sie Risiken und wie verhalten sie sich? Gemeinsam mit Christian Ruff von der Universität Zürich erforscht der Neurowissenschaftler mit Fokus auf sozial-emotionale Prozesse in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt, wie sich Stress auf unser Sozialverhalten auswirkt.

Was prägt unser Sozialverhalten? 

Obwohl Stress sehr gut untersucht ist, gab es zu dessen Auswirkungen auf das Sozialverhalten bisher kaum Forschung. Dieser Aspekt wurde erstmals im Jahr 2000 durch die renommierte Sozialpsychologin Shelley E. Taylor von der University of California thematisiert. Die Expertin für soziale Kognition hinterfragte das etablierte evolutionsbiologische Modell, wonach das Individuum unter Stress nur Kampf oder Flucht („fight or flight“) kennt und stellte eine neue Hypothese auf: Der zufolge suchen wir gemäß der „Tend-and-befriend“-Theorie gerade in Stresssituationen den Kontakt mit Menschen, die uns unterstützen, um Allianzen zu bilden. Denn Stress löst sowohl im Körper als auch im Gehirn eine Anpassungsreaktion aus und aktiviert damit den Organismus als Ganzes, um die Zusatzbelastung zu stemmen. Die verschiedenen kognitiv-affektiven Prozesse, die hinter unserem Sozialverhalten stehen, teilte Christian Ruff in „soziale Motivation“, „soziale Kognition“ und „Konformität mit sozialen Normen“ ein. Taylors Hypothese samt den empirischen Tests bildeten die Grundlage für das länderübergreifende FWF-Projekt. „Wir wollen besser nachvollziehen, welche Bereiche des Gehirns wie zusammenarbeiten. Der Weg vom Stressfaktor über das Gehirn hin zum Sozialverhalten steht für uns im Vordergrund“, erläutert Lamm.

Online-Befragung zu Auswirkungen von Corona

Auch die Forschenden wurden durch die Corona-Pandemie ausgebremst. „Wir wären Mitte März mit der Datenerhebung für die erste Studie fertig gewesen. Ohne vollständigen Datensatz ist nun aber keine Auswertung möglich“, bedauert Lamm das Fehlen an Zwischenergebnissen. Mit der globalen Corona-Krise erkennt er aber viele Berührungspunkte, etwa die Auswirkung von Stress auf Suchtverhalten. Ergänzend führt das Team kurzfristig eine Online-Umfrage zum Sozialverhalten durch, um aus den aktuellen Erfahrungen der Pandemie wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen.

© Universität Wien

Über den/die Forscher*In

Claus Lamm ist biologischer Psychologe und befasst sich mit den biologischen Grundlagen von psychologischen Phänomenen. Sein Spezialgebiet, die sozial-kognitive Neurowissenschaft, ist eine junge Disziplin und der Begriff im deutschsprachigen Raum noch kaum etabliert. An der Universität Wien leitet er die „Social, Cognitive and Affective Neuroscience Unit“ (SCAN) am Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden.

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