Wertvolle Varietäten

Sterben Dialekte aus? Welche Rolle spielt Sprache für unsere Identität? Alexandra N. Lenz ist es wichtig, mit ihrer Forschung auch in die Öffentlichkeit zu gehen. „Sprache geht uns schließlich alle an.“ Bürger*innen können deshalb eigene Konzepte einbringen.

Die gute Nachricht ist: Ein Niedergang der Dialekte wie in einigen Teilen Deutschlands ist in Österreich nicht zu sehen. Doch kaum jemand spricht ausschließlich in seinem lokalen Dialekt. „Österreicher*innen verfügen in der Regel über ein breites Sprachrepertoire zwischen Standard und Dialekt“, erklärt Sprachwissenschafterin Alexandra N. Lenz. Eine Person hat etwa bis zu fünf Möglichkeiten ein Wort zu artikulieren. Natürlich können Ausdrücke auch verschwinden – „jemandem gram“ ist man heutzutage nur noch selten.

Hochdeutsch ist nicht gleich Hochdeutsch

Auch Hochdeutsch ist meist regional eingefärbt. „Wir haben Akademiker*innen und Nachrichtensprecher*innen aus Österreich und Deutschland denselben Text einlesen lassen und ihn verschiedenen Personen vorgespielt“, erzählt Lenz. In den Ohren der Hörer*innen erfüllten die Sprechenden aus Deutschland am ehesten ein Konzept von „reinstem Hochdeutsch“.

Wollte man wissen, was die Befragten von einer/m Nachrichtensprecher*in im ORF hören wollen, schnitten die Sprechenden aus Österreich deutlich besser ab. Das bundesdeutsche Hochdeutsch wurde zwar als kompetent, aber eben auch als unpersönlich bewertet, die österreichischen Stimuli hingegen als sympathisch wahrgenommen. „Mitunter ist es auch bei geschulten Sprecher*innen gewollt, dass regionale Merkmale bleiben, Stichwort Identität“, so Lenz.

Kommunikative Netzwerke

Ein weiterer Einfluss ist die historisch gewachsene Mehrsprachigkeit. Durch seine geografische Lage war und ist Österreich stark mit slawischen Sprachen in Kontakt. So konnten die Sprachforscher*innen nachvollziehen, dass das Verb „geben“ für „setzen“, „stellen“, „legen“, wie in: „Gib es auf den Tisch!“ erst im 19. Jahrhunderts in den österreichischen Wortschatz wanderte  – aus dem Tschechischen. Von einer „Bedrohung“ der Sprache, beispielsweise durch Anglizismen, will Lenz nichts wissen: „Wir wählen selbst, welche Wörter wir in unseren Sprachgebrauch übernehmen.“ Auch Szenarien von Dialektbedrohung empfindet sie als falsches Narrativ. Der Rückgang der Dialekte liege auch daran, dass sie nicht mehr an die nachfolgende Generation weiter gegeben wurden. „Oft wurden Eltern mit Spracheinstellungen konfrontiert, die Dialekte als gefährdend für den sozialen Aufstieg ansehen“, so die Sprachwissenschafterin. Die Argumentation ist wissenschaftlich jedoch nicht haltbar. Im Gegenteil: Wer mehr Varietäten innerhalb der eigenen Sprache beherrscht, ist kognitiv im Vorteil.

„Es ist uns wichtig, dass man auch außerhalb der Wissenschaft etwas mit unseren Ergebnissen anfangen kann“, ergänzt sie. Sprache geht uns schließlich alle an. Im Rahmen des Citizen Science Projekts „IamDiÖ – Deutsch in aller Munde und aller Köpfe“ können Bürger*innen deshalb ihre Konzepte einbringen und Fragen stellen. (sn)

© Barbara Mair

Über den/die Forscher*In

Alexandra N. Lenz ist seit September 2010 Professorin für Germanistische Sprachwissenschaft (Sprachgeschichte, Varietätenlinguistik) an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und leitet den FWF-Spezialforschungsbereich „Deutsch in Österreich (DiÖ) – Variation. Kontakt. Perzeption“, ein vom FWF finanziertes Gemeinschaftsprojekt, das sich mit der Vielfalt und dem Wandel der deutschen Sprache in Österreich beschäftigt. Das Projekt ist an den Universitäten Wien, Graz, Salzburg, sowie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt, die Förderung läuft von 2016 bis 2023.

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