Augmented Pratice Room

Wie kommt der Konzertsaal in den Proberaum? Oder gar ins Wohnzimmer?

Der Augmented-Practice-Room erschafft eine – akustisch – erweiterte Realität und lässt die Übezimmer von Musiker*innen wie einen Konzertsaal klingen.

Als es im Frühjahr 2020 auf Grund der Coronavirus-Pandemie zum Shutdown zahlreicher Lebensbereiche kam, haben unterschiedliche Arbeitswelten einen Digitalisierungsschub erlebt – auch jene der Musiker*innen. Livekonzerte mussten abgesagt werden, auch das Proben war ab sofort nicht mehr möglich – oder besser: nur mehr zuhause und allein. Und hier kommt der Augmented-Practice-Room ins Spiel: ein virtueller Proberaum als Beispiel für die Akustik- und 3D-Audio-Forschung an der Kunstuniversität Graz. Der Augmented Practice-Room erschafft eine Umgebung mit akustisch erweiterter Realität, die die Konzertsaalakustik bereits im Überaum erlebbar macht.

Matthias Frank vom Institut für Elektronische Musik und Akustik (IEM) an der KUG hat damit ein Tool entwickelt, das Musiker*innen bei einer gut bekannten Problemstellung effizient helfen soll: Ein  Konzertsaal hat eine andere Akustik als eine Kirche – und in beiden Fällen sind die Voraussetzungen wieder ganz andere als jene des Proberaums. Ist aber die Nachhallzeit größer, verleitet das den*die Musiker*in, ganz anders zu spielen, etwa: das Tempo zu reduzieren – und umgekehrt. Dank des Augmented-Practice-Room kann im Proberaum die akustische Situation eines großen Konzertsaales hergestellt werden, oder auch jene einer Kirche… Das Prinzip ist einfach, die Umsetzung komplex: Die vorhandene Raumakustik wird nicht ersetzt, sondern erweitert. Über Kopfhörer oder Lautsprecher wird die gewünschte Akustik zugeschaltet. Und das geschieht in Echtzeit: Musiker*in spielt oder singt in ein Mikrofon  und hört sich selbst bereits wie im Konzertsaal (oder eben in der Kirche).

Entscheidend für Franks Entwicklung ist, dass weder Mikrofon noch Rechner Luxus-Hardware sein müssen, nur die Soundkarte darf nicht ganz billig sein – und die Kopfhörer/Lautsprecher sind natürlich speziell präpariert. In Zukunft könnte es den virtuell erweiterten Proberaum auch als App fürs Mobiltelefon geben. Und es ist bereits möglich, ihn als Ensemble zu nutzen. Jede*r sitzt dann – Corona-bedingt oder nicht – allein in seinem Proberaum, und doch probt man vereint im Konzertsaal.

Für die „klinische Studie“ des Tools wurde der Augmented-Practice-Room von Schüler*innen des Grazer Johann-Joseph-Fux-Konservatoriums getestet. Profitiert haben von dieser Kooperation beide Seiten, denn für die Nachwuchsmusiker_innen war das Projekt eine gute Schulung in der Wahrnehmung akustischer Rahmenbedingungen. So tritt zu guter Letzt bei der Entwicklung dieses Hilfsmittels auch noch ein musikpädagogischer Aspekt hinzu.

Es ist ein Podcast zum Projekt online.

Forscher Matthias Frank
© Alexander Wenzel

Über den/die Forscher*In

Matthias Frank, geboren 1985 in Völkingen/Saarland, studierte von 2004 bis 2009 Elektrotechnik-Toningenieur an TU und Kunstuni Graz, währenddessen absolvierte er auch 6 Semester Schlagzeugunterricht. Seit 2009 Forschung und Lehre im Bereich der Verknüpfung von Technik und Wahrnehmung am Institut für Elektronische Musik und Akustik. 2013 Abschluss eines wissenschaftlichen Doktorats im Bereich der räumlichen Audiowiedergabe. Live-Musiker bei diversen Bands, Musikvereinen, Orchestern und Chören im Raum Graz.
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