Wogegen Österreich aufbegehrt

Martin Dolezal erfasst erstmals politische Protestformen von 1998 bis 2016. Im internationalen Vergleich ist die österreichische Gesellschaft weniger protestfaul als bisher angenommen.

Österreich gilt im internationalen Vergleich als eher konsensual. Eine funktionierende Sozialpartnerschaft und stabile Mehrheiten in der Regierung galten viele Jahre als Basis für vergleichsweise wenig Proteste. Doch stimmt das überhaupt? Dieser Frage geht Martin Dolezal, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, am Institut für Höhere Studien nach. In den Agenturmeldungen der nationalen Nachrichtenagentur APA (Austria Presse Agentur) von 1998 bis 2016 erfasst Dolezal Protest-Ereignisse zunächst unabhängig von Ort und Thema. Ziel ist, einen Datensatz zu generieren, angereichert mit Parametern wie Teilnehmerzahl, Organisator des Protests, Forderungen und Protestform. So will der Politikwissenschaftler etwaige Veränderungen in den Konfliktstrukturen in Österreich unter anderem vor dem Hintergrund der jeweiligen politischen Regierungskonstellation in Bund und Ländern erkennen.

Wie protestiert Österreich?

Das Jahr 2000 mit seiner politischen Wende, so zeigen erste Auswertungen des bis 2020 laufenden Projekts, brachte einen Peak in der politischen Partizipation auf der Straße, die ein Ausreißer bleibt. Über die 19 Jahre Beobachtungszeitraum bleibt die Protestintensität sonst relativ gleich, liegt aber nicht unter dem internationalen Durchschnitt. Gewichtet nach der Anzahl der Teilnehmenden über alle Protestformen hinweg ist die Rangfolge der Themen: Wohlfahrtsstaat, Umwelt und Wirtschaft. Platz eins überrascht, aber zum Thema Pensionen gab es weitreichende Unterschriftenaktionen. Die Auswertung auf Basis der Anzahl der Protestereignisse zeigt das Thema Umwelt auf Platz eins. Diesem folgen an zweiter und dritter Stelle gesellschaftspolitische Themen und Wirtschaft. Nicht erst seit den „Fridays for Future“ und der Klimakrise ist „Umwelt“ also Protestthema Nummer eins in Österreich.

© Universität Wien

Über den/die Forscher*In

Martin Dolezal ist Fellow am Institut für Höhere Studien (IHS) und Senior Scientist in der Abteilung für Politikwissenschaft der Universität Salzburg, wo er im Horizon2020-Projekt „Populism and Civic Engagement (PaCE)“ mitarbeitet. Sein Fachgebiet ist politische Partizipation sowie Wahl- und Parteienforschung in Österreich und im internationalen Vergleich.
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